GASTARTIKEL │ STÜRMISCHES WISSEN

von Melanie Pascal Heiss

 

Es gibt diese Momente, in denen man als Nicht-Österreicher voller Leidenschaft in die österreichischen Traditionen eintauchen möchte. Voller Motivation rauf aufs Sprungbrett und los.
Idylle und Wunschvorstellung beiseite, meistens funktioniert dies dann aber nicht so ganz. Bei mir zumindest. Also eigentlich … nie.

 

Spätestens Ende September können wir dem Sturm nicht mehr aus dem Weg gehen. Also dem Getränk. Im Vierterl, sehr lecker, trüb und wird meist in einem Zug mit einem Kater genannt. Einem stürmischen Kater.
Die meisten von uns kennen Sturm entweder als Federweisser/Federroter (DE), vino nuovo (IT), als Suser in Südtirol oder als burčák in Tschechien.
Sturm ist Wein ‘im Werden’, also Traubenmost der bereits in der ersten Phase der Gärung ist.

 

(Quelle: meinheimvorteil.at)
(Quelle: meinheimvorteil.at)

FAQ’S UND TYPISCHE SITUATIONEN.

 

#1 Warum darf man mit Sturm auf keinen Fall anstoßen und ihn nur mit der linken Hand halten?
Warum? Das kleine ungläubige Ding ist nämlich dicht getauft.
Erst am 11. November (Martini*) wird der Sturm getauft und ab diesem Zeitpunkt als Heuriger bezeichnet. Ab Martini ist das anstoßen wieder erlaubt, sogar mit der rechten Hand.

#2 Hilfe, die Menschen am Nachbartisch geben eigenartige Geräusche von sich…
Beim Sturm trinken ist es Brauch, anstelle des üblichen ‘Prost’ oder ‘zum Wohle’ sich ‘Mahlzeit’ zu zu rufen oder auch ‘Krixikraxi’. Während sich Mahlzeit darauf zurück führen lässt, dass Sturm reich an Vitamin B1, B2 und Traubenzucker ist und uns an kalten Abenden wärmt, habe ich für ‘Krixikraxi’ noch keine (er)nüchtern(d)e Erklärung gefunden. Tipps sind herzlich Willkommen!

#3 Warum schmeckt Sturm im Laufe der Zeit anders?
Je jünger der Sturm, desto mehr natürlichen Zucker enthält er. Im Laufe der Gärung nimmt der Zucker ab und der Alkohol zu.

Man möge sich eine Gärung, recht banal erklärt, wie das Spiel ‘Pac-Man’ vorstellen. Als Darsteller dienen Hefe und Zucker. Die Hefe isst den Zucker auf und scheidet Alkohol sowie CO2 (Kohlensäure) aus. Daher auch das leicht spritzige am Sturm.
Je weiter fortgeschritten die Gärung, desto herber und kräftiger der Sturm. Kurz vor dem Ende der Gärung wird Sturm auch gerne als ‘Staubiger’ bezeichnet. Staub trocken, unfiltriert und nun ohne den leichten Touch von Kohlensäure.

#4 Ab wann gibt es eigentlich Sturm?

Sturm darf ab dem ersten August bis zum 31. Dezember desselben Jahres verkauft und ausgeschenkt werden. Ab dem Moment wo Sturm jedoch zum ‘Heurigen’ oder ‘Junker’ wird und unter diesem Namen vertrieben wird, darf er noch bis zum 31. Dezember des darauf folgenden Jahres verkauft werden.

image-oesterreichisch-1614-Sturm-Federweiszer_Getrank #5 Warum wird Sturm mit Plastikverschluss verkauft?

Sturm ist vor allem ein Frische-Produkt welches am besten ab Hof genossen werden sollte. Da Sturm gärt und Kohlensäure produziert, wäre es nicht möglich diesen in einem fest verschlossenen Behälter zu vertreiben.
Wenn man jedoch auf Explosionen á la ‘Schatz ich hab die Colaflasche im Gefrierfach vergessen’ steht, empfehle ich sauerstoffdichten Verschluss.
Die Behälter in denen wir Sturm kaufen, haben einen besonderen Verschluss der Kohlensäure und Gärgasen ermöglicht, aus der Flasche zu entweichen.
Wichtig ist es, Sturm ausschließlich im Stehen zu lagern und diesen so wenig wie möglich zu schütteln, um ein Auslaufen zu vermeiden.

#6 Wie lagere ich Sturm zuhause am besten?
Wie in vielen Belangen des Lebens, ist es wichtig das er steht. Also der Sturm.

Wird Sturm zusätzlich gekühlt, verlangsamt sich die Gärung und man kann ihn länger genießen. Haltbar ist Sturm so lange, bis sie einen Staubigen haben. Empfohlen wird die Konsumation jedoch innerhalb einiger Tage.
Falls Sie keinen passenden Verschluss für Sturm haben, reicht es auch, ein Stück Alufolie über die Flaschenöffnung zu geben. Diese verhindert, dass Sie den Sturm mit Insekten teilen müssen.

#7 Was ist der Unterschied zwischen Most und Sturm?
Der durch das Pressen von Trauben entstehende Fruchtsaft wird Most genannt. Most ist in dieser Geschichte unser Virgin und enthält keinen Alkohol. Da bereits von Natur aus Hefepartikel enthalten sind, fängt Most nach einer gewissen Zeit selbständig an zu gären und wird ab diesem Moment Sturm genannt. Evolution par exellence!


#8 Ich brauche noch eine gute Ausrede für meinen übermäßigen Sturmkonsum

Produkte wie z.B. Most, Sturm und Wein enthalten viele Vitamine, Spurenelemente und gesunde Zuckerarten. Sturm enthält auch in größeren Mengen Vitamin B1 und B2, welche sich positiv auf Haut und Haar auswirken sowie das Nervensystem stärken.
In Tschechien besagt ein Sprichwort, dass man im Jahr genau so viel burčák trinken soll, wie man Blut im Körper hat. Vorbildhafte Sturmliebhaber, diese Tschechen!

 

#9 Was sind typische Speisen zu Most, Sturm, und Heurigem?

 

Most

Maroni (Edelkastanien), heiße Pellkartoffeln mit Butter, süße Speisen wie gefüllte Krapfen*

 

Sturm

Salzstangerl* mit Liptauer* oder Speck und Schwarzbrot mit Verhackertem* und Maroni. In Deutschland gibt es zum Sturm Zwiebel- oder Lauchkuchen, Flammkuchen sowie Laugenbrezel mit Dips und im Elsass werden zum Sturm junge Walnüsse kombiniert.

 

Jungwein – auch Novello (IT), Primeur (FR) oder Vin Joven (ESP)

Typisch in Österreich ist die Kombination mit Martinigans*, einer Brettljausen* sowie vielen unterschiedlichen Speisen.

Bei der Kombination eines Jungweines kommt es jedoch, wie typisch bei Wein, sehr auf die Rebsorte und weitere Merkmale an.

www.meinbezirk.at
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Begriffserklärungen:

 

Martini: So wird der Martinstag am 11. November bezeichnet, das Fest des heiligen Martin von Tours.

Martinigans: In den Tagen um den 11. November ist es Brauch eine Gans zu essen. Die Martinigans wird traditionell mit Rotkohl und Serviettenknödeln oder Kartoffelknödeln zubereitet.

Krapfen: Gebäckstücke die entweder süß oder salzig sind, mit oder ohne Füllung, in heissem Fett ausgebacken.

Salzstangerl: Ein längliches Weißgebäck mit Salz und ganzem Kümmel.

Liptauer: Ein pikanter Brotaufstrich der in der slowakischen aus Brimsen (einem gesalzenen Frischkäse aus Schafsmilch) oder in Österreich aus Quark oder Topfen mit Butter hergestellt wird. Gewürzt wird meist mit Paprika, Kümmel, Pfeffer und geriebenen Zwiebeln. Oft auch mit Kapern, Senf, Sardellen und zerkleinerten Salzgurken.

Verhackertes: Ein Brotaufstrich aus der slowakischen und österreichischen Küche, der aus kleingehacktem, geräuchertem Speck hergestellt wird.

 

 

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STÜRMISCHE WISSEN VON MELANIE

Instagram: @learningbydrinking

melanie heiss

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